Pädagogik der Vielfalt und die Interkulturelle Musikerziehung

laborschule

1974 in Bielefeld gegründet: eine Schule der Vielfalt

Schule der Vielfalt:

- bezüglich der Gegenstände: "alle Musik" (oder sogar "jedes auditive Phänomen") soll Gegenstand es Musikunterrichts sein, insbesondere Musiken der Welt, wie sie global und lokal erscheinen,

- bezüglich der Ziele: die Schüler/innen sollen auf ein aktives, bewusstes, selbstbestimmtes und soziales Leben in einer heterogenen (insbesondere einer multikulturellen) Gesellschaft vorbereitet werden,

- bezüglich der Methoden: den vielfältigen Gegenständen und der heterogenen Schülerschaft angepasst sind die Methoden flexibel (u.a. handungs- und schülerorientiert), wie es beispielsweise der erweiterte Schnittstellenansatz der Interkulturellen Musikerziehung fordert,

- bezüglich der Schülerschaft: die Heterogenität der Schülerschaft wird Enrst genommen, sie bezieht sich auf

  1. soziale Heterogenität (Stichwort: Bildungschancen für alle),
  2. kulturelle Heterogenität (Stichwort: Migrationshintergrund),
  3. unterschiedliche Fähigkeiten (Stichwort: Behinderung),
  4. unterschiedliches Geschlecht und sexuelle Orientierung.

Der Schwerpunkt der Interkulturellen Musikerziehung liegt auf der kulturellen Heterogenität. Die anderen Heterogenitäten (Vielfältigkeiten) sind nicht spezifisch für den Musikunterricht, obgleich sie (wie in allen anderen Fächern) stets eine Rolle spielen.

Dokumente zum Topos "kulturelle Vielfalt":

UNESCO-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen 2005:
Artikel 1. Die Ziele dieses Übereinkommens sind,
a) die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu schützen und zu fördern;
c) den Dialog zwischen den Kulturen anzuregen, um weltweit einen breiteren und ausgewogeneren kulturellen Austausch zur Förderung der gegenseitigen Achtung der Kulturen und einer Kultur des Friedens zu gewährleisten;
d) die Interkulturalität zu fördern, um die kulturelle Interaktion im Geist des Brückenbaus zwischen den Völkern weiterzuentwickeln;
e) die Achtung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu fördern und das Bewusstsein für den Wert dieser Vielfalt auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu schärfen.
http://www.unesco.de/infothek/dokumente/uebereinkommen/konvention-kulturelle-vielfalt.html

Deutscher Musikrat "Musikalische Bildung in Deutschland" 2012:
Die Vielfalt Kultureller Praxen spiegelt den Lebensalltag in unserer Gesellschaft wider. Kulturelle Vielfalt bedingt Kulturelle Teilhabe. Der Reichtum Kultureller Vielfalt muss sich stärker in den Angeboten der Musikalischen Bildung wiederfinden, um die Neugierde auf das je Eigene und je Andere im Interesse einer offenen Gesellschaft zu stärken. Dazu bedarf es des transkulturellen Dialoges, der 1. Anwendung der UNESCO-Konvention Kulturelle Vielfalt,...
https://www.musikrat.de/musikpolitik/kulturelle-vielfalt/

KMK "Empfehlungen zur kulturellen Kinder- und Jugendbildung" 2013:
Kinder und Jugendliche müssen intensiver als bisher an Kultur herangeführt werden. Dies bedeutet in einer Lebenswelt zunehmender kultureller Vielfalt auch die Bereitschaft und Neugier, sich mit dem eigenen kulturellen Hintergrund ebenso wie mit dem Fremden und Anderen auseinanderzusetzen. Bei allen Initiativen geht es darum, Kinder und Jugendliche für die Vielfalt der Kultur zu begeistern, ihre Kreativität und Experimentierfreude anzuregen und ihnen eigene Handlungs-, Erfahrungs- und Deutungsspielräume in Bezug auf Kunst und Kultur zu eröffnen.
https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2013/2013-10-10-Beschluss_Kulturelle-Kinder-u-Jugendbildung.pdf

Bundesverband Musikunterricht "Für Musikalische Bildung an Schulen - Agenda 2030" 2016:
Der BMU setzt sich für ein pluralistisches Verständnis von Musikkultur ein: Er engagiert sich für Vorurteilsfreiheit und Offenheit gegenüber den vielen Arten und Erscheinungsformen von Musik sowie deren Wertschätzung.
http://www.bmu-musik.de/fileadmin/Medien/BV/BMU_Positionen_9-16_Agenda_DRUCK.pdf

these15

Bundesregierung "Zusammenhalt in Vielfalt - Thesen zur Kulturellen Integration" Mai 2017:
These 15. Gesellschaftliche Veränderungen können dazu führen, dass sich Menschen in Deutschland entwurzelt fühlen. Ihre kulturelle Identität wird hinterfragt, was dazu führen kann, dass sie andere als Bedrohung empfinden. Diese Sorgen gilt es ernst zu nehmen, ohne sich von Ängsten lähmen zu lassen. Kulturelle Integration kann einen Beitrag leisten, Angst in Neugier umzuwandeln.
http://kulturelle-integration.de/thesen/

Folgerungen:

Wenn ein Musikunterricht optimal vielfältig (bzgl. Gegenständen, Zielen, Methoden und Schülerschaft) ist, dann braucht man keine spezifische Disziplin "Interkulturelle Musikpädagogik" und keine spezifische "Interkulturelle Musikerziehung". Dann ist ja alles gut so!

Weder das Bildungssystem, noch die Schule, noch der Musikunterricht sind aber "optimal vielfältig". Die "optimale Vielfalt" ist ein Ziel, nicht die Realität. Daher bedarf es bewusster Anstrengungen auf allen nur denkbaren Ebenen dies Ziel zu erreichen.

Eine dieser Anstrengungen unternimmt bzgl. des Aspkets der kulturellen Vielfalt die Interkulturelle Musikpädagogik (als Theorie) und die Interkulturelle Musikerziehung (als Praxis). Sie bearbeitet also einen Teilbereich. Sie untersucht und macht konrete Vorschläge dazu, wie eine kulturell heterogene Schülerschaft die Vielfalt der Musik als Ausdruck kultureller Vielfalt erleben und erfahren kann.

Sie legt den Finger in die Wunde des aktuellen, an der Systematik abendländischer Musiktheorie orientierten aufbauenden Musikunterrichts und der dadurch bedingten ungenügenden Form einer "Kulturerschließung". Sie fordert den Musikunterricht auf, Musik zuerst und von Anfang an als vielfältige kulturelle Praxis zu sehen und zu lehren.

Nachbemerkung:

Obwohl in den oben zitierten Äußerungen zur kulturellen Vielfalt immer wieder vom "inter- oder transkulturellen Dialog" die Rede ist, erscheint mir heute die Bezeichnung "Interkulturelle Musikpädagogik (erziehung)" für das, was ich hier als Folgerung formuliert habe, sehr irre führend. Gerade angesichts der Vielfalts-Diskussion, wie sie durch Irmgard Merkt 2019 neu angefacht worden ist, wäre der Terminus "multikulturelle Musikerziehung" erheblich weniger irreführend.