Interkulturelle Musikerziehung 2016/17

oder "Sollen wir jetzt syrische Kinderlieder im Musikunterricht singen?"

Kinderlieder

Kinderlieder aus "Flüchtlingsländern"

Hier finden Sie ein Liederheft mit Kinderliedern aus Flüchtlingsländern! Download als pdf.

Eine interaktive Musik-Landkarte mit Noten und Musikbeispielen hierzu: Download als exe-Datei (Windows-Anwendung, 43 MB).
Wenn Ihr Virus-Programm Sie vor dem Herunterladen warnt, so ist das ein gutes aber unnötiges Zeichen. Sie können die exe-Datei getrost herunterladen...

Zu weiteren arabischen Kinderliedern und deutschen "Willkommensliedern": hier!

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"tik tik tik", ein arabisches Kinderlied تك تك تك

Materialien zu einem kulturerschließenden Umgang mit einem arabischen Kinderlied

Vorab-Information

Die libanesische Sängerin Fairouz (geb. 1934) ist neben Oum Kulthoum die am meisten verehrte und überall bekannte Sängerin in der arabischen Welt. Zusammen mit ihrem Ehemann 'Assy Rahbani und dessen Bruder Mansour steht sie für einen neuen arabischen Popmusikstil, in dem "westliche" Einflüsse verarbeitet werden und der sich von der inhaltlich abgehobenen und pathetischen Art der "Langen Lieder" von Oum Kulthoum abhebt (Arbeitsblatt, pdf). Zugleich repräsentiert sie die Tatsache, dass in den 1960er Jahren Beirut zur Metropole arabischer Popmusik wurde und Kairo in dieser Funktion ablöste.
Der Film "Bint al-Haris" aus dem Jahr 1968 ist ein Beispiel für diesen libanesischen Stil.  "Bint al-Haris" ist die Geschichte von der Tochter eines Wachmannes, der arbeitslos geworden ist, weil es keine Kriminellen mehr im Ort gibt. Die Tochter beschließt selbst "kriminell" zu werden, um ihren Vater wieder in Brot zu bringen.  Der  Film ist von den Rahbani-Brüdern komponiert mit  Fairouz in der Hauptrolle. Man sieht und hört die Merkmale des libanesischen Stils gleich im Eingangslied (Arbeitsblatt, pdf) (https://www.youtube.com/watch?v=6tfv7K5G5rY ab 0:45 min:sec):

  • kurze, liedhafte Melodien (im Gegensatz zum "langen Lied" der Uum Kulthum),
  • lebensnahe Thematik, "ländlich" (im Gegensatz zur arabischen Liebes-Lyrik),
  • nur andeutungsweise "arabesk", Verwendung westlicher Genres der U-Musik,
  • liedhafter Aufbau in Perioden von 4 und 8 Takten.
  • (Mit Beginn des Libanesischen Bürgerkriegs  1975 werden die Lieder von Fairouz dann politischer. Sie stammt aus einer christlichen Familie.)

In diesem Lied bittet Fairouz den Wind, dass er ihren Geliebten und die Seeleute wieder in die Heimat zurück bringt. Dies Lied ist inzwischen "die Hymne von geflüchteten Menschen aus dem arabischen Raum, vor allem aus Syrien. Es beschreibt auf berührende Weise die Sehnsucht nach der Heimat", schreibenJulia Erche und Alexander Jansen in ihren 2017 erschienenen Liederbuch "Ich habe meine Musik mitgebracht. Lieder, Spiele und Geschichten von Flüchtlingskindern" (Don Bosco, München). Es heißt im Refrain: "Wind, du trägst reichen Duft, bringst die Sehnsucht mit der Luft; Wind, uns fehlt ein Teil zum Glück, führ zur Heimat uns zurück" und "Heimat, was ist geschehn, warum mussten wir nur gehn? Früher hat uns nichts getrennt, was ist es, das uns nun hemmt?"

Der Film enthält nicht nur ein sehr bekanntes Kinderlied, der Film zeigt auch, wie Fairouz dies Lied mit einer Schulklasse singt: https://www.youtube.com/watch?v=lSD8EHx4zG4 von  3:38 bis 5:43 min:sec. Die Klasse, die diszipliniert und fröhlich dargestellt wird, klopft und singt den Refrain begeistert mit. Das Lied steht auch auf der Playlist "Kids Fairouz Songs" an erster Stelle: https://www.youtube.com/watch?v=853_DQPS2L8&list=PL9MGr-KHB_g88VUwzUGQvvBZe9Hc7Ya9K

Der syrische Komponist Rami Chahin sagt: "dies Lied ist sehr bekannt, jeder kennt die Lieder von Fairouz, aber die Kinder verstehen den Text nicht". Ein Beweis für die Bekanntheit könnte ein Videoclip sein, auf dem  ein sehr kleines Kind das Lied "tik tik tik" mit den "korrekten" Bewegungen singt: https://www.youtube.com/watch?v=cYWrLZKzqps  (Kommentar in Youtube: "Zuhur enjoyed this song the most. She would bug her Auntie Belle each time she gets home from work, to get on her iPhone's GPRS and surf on YouTube for this video sang by Fairuz".) Magda Aschem hat mir den Text übersetzt: in jeder Strophe wird eine Person mit einer charakteristischen Eigenschaft angesprochen und auf irgendeine Weise ein "Problem" artikuliert. Die letzte Strophe mit dem Heiratswunsch ist wohl vor diesme Hintergrund zu sehen... (Meine deutsche, singbare Version und die Transkriptionen versuchen den Gestus des Liedes teilweise nach zu vollziehen.)

tik tik tik

tiktiktik


Mashrou' Leila "Ubwa" (2009)

Das Lied "tik tik tik" wird von der libanesischen Musikgruppe  Mashrou' Leila im Titel "Ubwa" ("die Bombe") aus der CD "Mashrou' Leila (2009)" zitiert. Der Titel ist 2016 nicht mehr online auf Youtube erhätlich. Hier ist der Soundtrack (aus meiner interaktiven Musik-Landkarte "Musik rund ums Mittelmeer"): Download oder Spielen (mp3).
Shirin Saad sagt 2012 zu diesem Titel: Auf "Ubwa" re-interpretiert die Band ein Volks-Kinderlied mit einem explosiven Zungenschlag. Das "tik tik tik", das im Kinderlied üblicherweise oft wiederholt wird, beschreibt jetzt das Ticken einer Bombe, die bald explodieren kann. Diese Mischung von Volkslied, Pop Rock und politischer Botschaft spricht die Jugendlichen in aller Welt, die dieser Band in den sozialen Medien folgen oder zu Konzerten kommen, an" (zitiert in Thomas Burkhalter: Local Music Scenes and Globalization. Transnational Platforms in Beirut. Routledge, New York 2013, S. 216).

Bomb

Tik tik tik em Sleiman
Tik tik tik tik boom
Tik tik tik the field blew up
Look's like there's another boom coming
The key is in the car
Stuff the corpse in the trunk
There's a martyr behind the curtain
Who wants to monopolize the market
Tik tik tik there's the athan (Gebetsruf)
Muffling the sound of the boom
And I am watching the television
My face like an owl
How am I supposed to be political
When everyone is so lazy here?
And everyone is insisting that their religion is the best color?

obwa

Mashrou' Leila wird derzeit als die "bekannteste arabische Musikgruppe" bezeichnet. Sie trat im April 2016 erstmals in Deutschland auf und gibt am 5. und 6. Oktober 2016 nochmals Konzerte in Berlin und Hamburg. Ein ausführliches Interview steht auf http://www.alsharq.de/2016/mashreq/libanon/mashrou-leila-wir-sind-mehr-als-das-gegenteil-von-schweigen/  Auszüge:


Firas: Aber du musst zugeben, dass wir uns besonders deutlich äußern. Wir sind mehr als bloß das Gegenteil von Schweigen. Aber unsere Musik deshalb als den Soundtrack des ‚Arabischen Frühlings’ zu bezeichnen ist etwas anderes.
Hamed: Definitiv! Außerdem ist der Begriff ‚Arabischer Frühling’ eine Erfindung westlicher Medien, die damit eine Reihe sehr komplizierter und höchst unterschiedlicher Ereignisse in verschiedenen Ländern verbinden und die Situation im Nahen Osten mit einem sehr einfachen Narrativ zusammenfassen wollten. Sie zeichneten das Bild des jugendlichen arabischen Mannes, der sich gegen die Regierung auflehnt. Dabei war die Realität natürlich deutlich komplexer. Selbst innerhalb einzelner Länder gab es eine Vielzahl politischer Stimmen, die sich alle zur selben Zeit Bahn brachen. In diesem Sinne gab es wohl so etwas wie ein Ereignis, aber eben keine plötzliche Ideologiewende.
Firas: Ironischerweise kommen wir noch dazu aus einem Land, in dem diese Veränderungen so gar nicht stattfanden.
Hamed: Uns fünf Männer aus der oberen Mittelschicht als Sprachrohr einer ganzen Generation zu bezeichnen, über alle Grenzen von Klasse und Gender hinweg, grenzt an Rassismus. Mindestens aber ist es eine grobe Vereinfachung.
Haig: Trotzdem stimmt es, dass viele junge Menschen von Tunesien bis Syrien unsere Musik gehört haben. Genau wie die Musik anderer junger Künstler. Für die Medien ist „Soundtrack des Arabischen Frühlings“ eben ein sexy Titel. Noch dazu für eine Band mit einem homosexuellen Leadsänger. Jedenfalls hat uns dieser Titel …
Firas: … viele Fragen beschert. Und Interviews!

In einem früheren Interview wird "Ubwa" direkt angesprochen:

Before Arab Spring, you used to lament the laziness of those unhappy with governments. I remember in your earlier song “’Ubwa,” (Trans: “Bomb”) released in 2009, you say “How am I supposed to be political when everyone is so lazy here? And everyone is insisting that their religion is the best colour.”  Even after Arab Spring, do these social frustrations still exist?
The idea of the Arab Spring happening only in 2011 is a fairly Western-media dominated understanding of how the region's politics have evolved. For many Lebanese people, the Arab Spring started in 2005, with the Lebanese upheavals against Syrian political hegemony in Lebanon. Those uprisings, like many across the Middle East, ended up being fairly defeated on many fronts. I think the current status of the Arab Spring would allow more people, if anything, to relate to the sentiments of “’Ubwa.”
 

Mögliche Unterrichtsaktivitäten

Vorbemerkung: bei vielen dieser Unterrichtsaktivitäten können sich arabisch sprechende Schüler/innen als Expert/innen einbringen, wenn sie es von sich aus wollen, der Unterricht ist davon aber unabhängig.

- Das Video mit dem Kinderlied ansehen, die Schüler/innen reagieren auf die Unterrichtssituation, die im Video abgebildet ist,
- Diskussion, ob diese Situation realistisch ist - hier können Schüler/innen, die eine solche Situation kennen, berichten..., und wie sie pädagogisch eingeschätzt wird,
- Mutmaßungen, wovon im Lied die Rede ist - und Konfrontation mit dem Text (der weitgehend als unzusammenhängende Abfolge von Assoziationen erscheint),
- Mutmaßungen über den "Sinn" des Liedes,
- das Lied singen und szenisch ausgestalten.

Bemerkung: Nancy Ajram singt auf einem anderen Video, das auf einem Kinderkanal gesendet wird, ein Kinderlied, indem sie eine Schulklasse in ein Elfen-Traumland versetzt (Lied "kritzel - kratzel"... Youtube!). Man kann diese "moderne" Schulsituation mit der älteraus dem Jahr 1968 mit Fairouz vergleichen!

- Information über Fairouz (falls diese Info nicht schon von Schüler/innen gekommen ist),
- Information über die Stilistik arabischer Musik (hierzu beispielsweise die interaktive Landkarte "Musik rund ums Mittelmeer" aus dem Jahr 2009 benutzen (Download hier),
- Orientierung über den Film, gegebenenfalls einige Sequenzen ansehen,
- die Frage, warum dies Lied heute (noch) sehr bekannt ist, diskutieren!

- "Ubwa" von Mashrou' Leila anhören, über Inhalt des Liedes spekulieren (sofern nicht "kompetente" Schüler/innen im Raum sind),
- warum wird hier wohl  "tik tik tik" zitiert?
- gibt es ähnliche Songs, in denen Kinderlieder in einen politischen Kontext gestellt werden? (Hinweis eventuell auf AzizaA's Titel "Es ist Zeit" mit dem Zitat eines Kinderliedes, dessen Mädchenrollenbild im Lied kritisiert wird.)

- Diskussion über "arabische Musik"! Was haben die Stücke gemeinsam, wirken sie eigentlich auf uns "arabisch"?
- Hört andere Musik von Fairouz - hört andere Musik von Mashrou' Leila!
- Recherchiert zur aktuellen (ersten) Deutschlandtour der Gruppe Masou' Leila!

Weitere Anregungen zum musikpraktischen/szenischen Umgang mit diesem Lied (für die Grundschule) von Eike Tiedemann in "Musik in der Grundschule" v 3/2016, S. 50-53. Die dortige Textierung stimmt nicht mit der hier angegebenen überein, d.h. es scheint verschiedene Textfassungen zu geben.