Interkulturelle Musikerziehung 2016/17

oder "Sollen wir jetzt syrische Kinderlieder im Musikunterricht singen?"

تك تك تك "tik tik tik ", O Suleyman!

Materialien zu einem kulturerschließenden Umgang mit einem arabischen Kinderlied

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=853_DQPS2L8

 

tiktiktik-NB

Ablauf: Intro - Refrain (solo), Refrain (alle) - Strophe 1 - Refrain (alle) - Strophe 2 - Refrain (alle) - Strophe 3 - Refrain (alle) - Strophe 4 (= Coda/Schlussteil) - Refrain (alle).

Wörtliche Übersetzung:

Refrain:
Tik tik ya em slaiman
تك تك تك يام سليمان
tik tik tik, oh Süleymans Mutter,
تك تك تك جوزك وين كان
tik tik tik. Wo war dein Mann?
تك تك تك كان بالحقله
tik tik. Er war in dem Obstgarten.
عم يقطف خوخ و رمان

Strophe 1:
Er hat Pfirsiche und Granatapfel gepflückt
يا ستي يا ست بدور
Oh, meine Oma Frau Bduor.
شوفي القمر كيف بيدور
Guck mal wie der Mond gesponnen ist.
و الناطوره بدا شمس
Und die Garde braucht die Sonne,
و الشمس بعقد المرجان
aber die Sonne ist in dem Kragen der Korallen.
عمي يا عم الحطاب

Strophe 2:
Oh, mein Onkel… des Holzfällers Onkel,
خلينا نلعب عالباب
lass uns an der Türe spielen
و الجاره بدا قمحه
und die Nachbarin braucht den Weizen
و القمحه عند الطحان
und der Weizen ist beim Müller
يا جدي يا جد التلج

Strophe 3:
Oh, mein Opa… der Opa des Schnees,
لحيتك غطت عالمرج
dein Bart hat die Wiese gedeckt ,
و الهوا بدو خيمه
die Luft sucht sich ein Zelt,
و الخيمه بدا خيطان
aber das Zelt braucht Saiten.
وينني الجمال يحني بالقنطره

Strophe 4 (oder Coda):
Wo sind die Kamele… Da, in der Qantara
(draußen, unter dem Torbogen)
شو طعميناهن قمح و دره
Was haben wir ihnen zu füttern… Weizen und Mais
شو سقاينهن ميي معطره
Was haben wir ihnen gewässert… Duft Wasser ,
(wie z.B. Blumenwasser)
يا عمي الغراب جوزني بنتك
oh Onkel Corvus lasst mich deine Tochter heiraten.

Kommentar und Szenische Interpretation:

Das Lied wird der libanesischen Sänegrin Fairouz zugeschrieben (siehe unten). Der syrische Komponist Rami Chahin sagt: "dies Lied ist sehr bekannt, jeder kennt die Lieder von Fairouz, aber die Kinder verstehen den Text nicht". Ein Beweis für die Bekanntheit könnte ein Videoclip sein, auf dem  ein sehr kleines Kind das Lied "tik tik tik" mit den "korrekten" Bewegungen singt: https://www.youtube.com/watch?v=cYWrLZKzqps  (Kommentar in Youtube: "Zuhur enjoyed this song the most. She would bug her Auntie Belle each time she gets home from work, to get on her iPhone's GPRS and surf on YouTube for this video sang by Fairuz".)

Der Text des Liedes ist sehr kryptisch, voller Bilder und Andeutungen.  Bei viel Phantasie schält sich folgende "Story" heraus, die Eike Tiedemann in der Zeitschrift "Musik in der Grundschule" 3/2016, S. 51 folgendermaßen beschrieben hat:

(Refrain) Ein junger Mann klopft bei seiner Tante an. Der Onkel ist auf dem Feld und pflückt Pfirsiche und Granatäpfel.
(In den Strophen umschreibt der junge Mann, dass er heiraten will und Geld dafür braucht.)
(Strophe 1) Die Felder im Winter brauchen die Sonne; genauso wie er Gerld zum Heiraten braucht.
(Strophe 2) Er will mit dem Fällen von Bäumen und dem Mahlen von Korn Geld verdienen.
(Strophe 3) Er braucht Geld, um für den Winter ein Zelt oder ein Haus zu bauen.
(Strophe 4/Bridge) Nun hat er endlich genug gut genährte Kamele im Stall und damit auch den Brautpreis zusammen.

Ersichtlich habe ich versucht, mit der singbaren deutsche Version (siehe vorige Seite), diese Story um zu setzen, ohne dass man dies noch eine "Übersetzung" nennen könnte. Indessen eignet sich diese Textierung nun dazu, das Lied auch szenisch zu interpretieren.

  • Basisübung: alle üben den Refrain (arabisch sprechende Kinder singen arabisch).
  • SL gibt entweder die Bewegungen der Kinder aus dem Film vor oder lässt die Klasse (in Kleingruppen) eine Bewegungschoreografie selbst erstellen, indem sie das Video auf dem Smartphone ansehen. Alle üben den Refrain choreografisch ein.
  • 4 Schüler/innen  ( oder 2 bis 3 mal 4 Schüler/innen) erhalten Rollenkarten für den Jungen Mann "Hassan" (22 Jahre), das Mädchen "Leyla" (15 Jahre), Tante Süleyman (32 Jahre) und Onkel Süleyman (50 Jahre).  Es findet eine öffentliche Einfühlung statt, d.h. die nicht beteiligten Schüler/innen schauen zu und bilden später den Refrain-Chor.
  • Rollenpräsentation mit SL-Befragung. (Hierdurch wird die "Story" allen verdeutlicht.)
  • Die Szene wird hergerichtet: eine Tür von einem Haus, im Innern des Hauses Tante und Mädchen, in einiger Entfernung der Obstgarten.
  • Szenisches Spiel nach Regieanweisung mit Backstage-Chor (wie in der antiken Tragödie). Dsa heißt, die "Handlung" wird ohne Musik gespielt, der Refrain aber immer wieder dazwischen live gesungen. Der Cjor wird "dramaturgisch" eingesetzt und soll auch agieren.
  • Freies szenisches Spiel (unter Berücksichtigung der vorigen Handlungsabfolge) synchron zum original Lied, das als Playback erklingt.
  • Diskussionsrunde

Schwerpunkte der Diskussion:

  • Inwiefern  klingt dies Lied "arabisch". Sachinfo zu Fairouz, die die arabische Popmusik (im Stile von Uum Kulthum) verwestlicht und damit den heute aktuellen Popmusikstil geprägt hat.
  • Warum ist der Text so "kryptisch"?
  • Warum ist in einem Kinderlied  von Heirat die Rede? (Kinderheirat, Verheiratung durch Eltern, Heiraten als das Lebensziel weiblicher Kinder...)
  • Was ist die geheime Botschaft des Liedes? ("Die Frau ist eine Ware", dagegen gibt es hier keinen Widerstand, das  ist "halt so Brauch" und wird akzeptiert.)
  • Welche kulturellen Unterschiede gegenüber deutschen Kinderliedern zeigt dies sehr populäre und als "popmusikalisch" eingestufte "moderne" Kinderlied (das 1968 komponiert worden ist, also kein "Volkslied" ist)?

Weitere Anregungen zum musikpraktischen Umgang mit diesem Lied (für die Grundschule) von Eike Tiedemann in "Musik in der Grundschule" 3/2016, S. 50-53.


Hintergrund-Information

Die libanesische Sängerin Fairouz (geb. 1934) ist neben Oum Kulthoum die am meisten verehrte und überall bekannte Sängerin in der arabischen Welt. Zusammen mit ihrem Ehemann 'Assy Rahbani und dessen Bruder Mansour steht sie für einen neuen arabischen Popmusikstil, in dem "westliche" Einflüsse verarbeitet werden und der sich von der inhaltlich abgehobenen und pathetischen Art der "Langen Lieder" von Oum Kulthoum abhebt (Arbeitsblatt, pdf). Zugleich repräsentiert sie die Tatsache, dass in den 1960er Jahren Beirut zur Metropole arabischer Popmusik wurde und Kairo in dieser Funktion ablöste.
Der Film "Bint al-Haris" aus dem Jahr 1968 ist ein Beispiel für diesen libanesischen Stil.  "Bint al-Haris" ist die Geschichte von der Tochter eines Wachmannes, der arbeitslos geworden ist, weil es keine Kriminellen mehr im Ort gibt. Die Tochter beschließt selbst "kriminell" zu werden, um ihren Vater wieder in Brot zu bringen.  Der  Film ist von den Rahbani-Brüdern komponiert mit  Fairouz in der Hauptrolle. Man sieht und hört die Merkmale des libanesischen Stils gleich im Eingangslied (Arbeitsblatt, pdf) (https://www.youtube.com/watch?v=6tfv7K5G5rY ab 0:45 min:sec):

  • kurze, liedhafte Melodien (im Gegensatz zum "langen Lied" der Uum Kulthum),
  • lebensnahe Thematik, "ländlich" (im Gegensatz zur arabischen Liebes-Lyrik),
  • nur andeutungsweise "arabesk", Verwendung westlicher Genres der U-Musik,
  • liedhafter Aufbau in Perioden von 4 und 8 Takten.
  • (Mit Beginn des Libanesischen Bürgerkriegs  1975 werden die Lieder von Fairouz dann politischer. Sie stammt aus einer christlichen Familie.)

In diesem Lied bittet Fairouz den Wind, dass er ihren Geliebten und die Seeleute wieder in die Heimat zurück bringt. Dies Lied ist inzwischen "die Hymne von geflüchteten Menschen aus dem arabischen Raum, vor allem aus Syrien. Es beschreibt auf berührende Weise die Sehnsucht nach der Heimat", schreibenJulia Erche und Alexander Jansen in ihren 2017 erschienenen Liederbuch "Ich habe meine Musik mitgebracht. Lieder, Spiele und Geschichten von Flüchtlingskindern" (Don Bosco, München). Es heißt im Refrain: "Wind, du trägst reichen Duft, bringst die Sehnsucht mit der Luft; Wind, uns fehlt ein Teil zum Glück, führ zur Heimat uns zurück" und "Heimat, was ist geschehn, warum mussten wir nur gehn? Früher hat uns nichts getrennt, was ist es, das uns nun hemmt?"

Der Film enthält nicht nur ein sehr bekanntes Kinderlied, der Film zeigt auch, wie Fairouz dies Lied mit einer Schulklasse singt: https://www.youtube.com/watch?v=lSD8EHx4zG4 von  3:38 bis 5:43 min:sec. Die Klasse, die diszipliniert und fröhlich dargestellt wird, klopft und singt den Refrain begeistert mit. Das Lied steht auch auf der Playlist "Kids Fairouz Songs" an erster Stelle: https://www.youtube.com/watch?v=853_DQPS2L8


Mashrou' Leila "Ubwa" (2009)

Das Lied "tik tik tik" wird von der libanesischen Musikgruppe  Mashrou' Leila im Titel "Ubwa" ("die Bombe") aus der CD "Mashrou' Leila (2009)" zitiert. Der Titel ist 2016 nicht mehr online auf Youtube erhätlich. Hier ist der Soundtrack (aus meiner interaktiven Musik-Landkarte "Musik rund ums Mittelmeer"): Download oder Spielen (mp3).
Shirin Saad sagt 2012 zu diesem Titel: Auf "Ubwa" re-interpretiert die Band ein Volks-Kinderlied mit einem explosiven Zungenschlag. Das "tik tik tik", das im Kinderlied üblicherweise oft wiederholt wird, beschreibt jetzt das Ticken einer Bombe, die bald explodieren kann. Diese Mischung von Volkslied, Pop Rock und politischer Botschaft spricht die Jugendlichen in aller Welt, die dieser Band in den sozialen Medien folgen oder zu Konzerten kommen, an" (zitiert in Thomas Burkhalter: Local Music Scenes and Globalization. Transnational Platforms in Beirut. Routledge, New York 2013, S. 216).

Bomb

Tik tik tik em Sleiman
Tik tik tik tik boom
Tik tik tik the field blew up
Look's like there's another boom coming
The key is in the car
Stuff the corpse in the trunk
There's a martyr behind the curtain
Who wants to monopolize the market
Tik tik tik there's the athan (Gebetsruf)
Muffling the sound of the boom
And I am watching the television
My face like an owl
How am I supposed to be political
When everyone is so lazy here?
And everyone is insisting that their religion is the best color?

obwa

Mashrou' Leila wird derzeit als die "bekannteste arabische Musikgruppe" bezeichnet. Sie trat im April 2016 erstmals in Deutschland auf und gibt am 5. und 6. Oktober 2016 nochmals Konzerte in Berlin und Hamburg. Ein ausführliches Interview steht auf http://www.alsharq.de/2016/mashreq/libanon/mashrou-leila-wir-sind-mehr-als-das-gegenteil-von-schweigen/  Auszüge:


Firas: Aber du musst zugeben, dass wir uns besonders deutlich äußern. Wir sind mehr als bloß das Gegenteil von Schweigen. Aber unsere Musik deshalb als den Soundtrack des ‚Arabischen Frühlings’ zu bezeichnen ist etwas anderes.
Hamed: Definitiv! Außerdem ist der Begriff ‚Arabischer Frühling’ eine Erfindung westlicher Medien, die damit eine Reihe sehr komplizierter und höchst unterschiedlicher Ereignisse in verschiedenen Ländern verbinden und die Situation im Nahen Osten mit einem sehr einfachen Narrativ zusammenfassen wollten. Sie zeichneten das Bild des jugendlichen arabischen Mannes, der sich gegen die Regierung auflehnt. Dabei war die Realität natürlich deutlich komplexer. Selbst innerhalb einzelner Länder gab es eine Vielzahl politischer Stimmen, die sich alle zur selben Zeit Bahn brachen. In diesem Sinne gab es wohl so etwas wie ein Ereignis, aber eben keine plötzliche Ideologiewende.
Firas: Ironischerweise kommen wir noch dazu aus einem Land, in dem diese Veränderungen so gar nicht stattfanden.
Hamed: Uns fünf Männer aus der oberen Mittelschicht als Sprachrohr einer ganzen Generation zu bezeichnen, über alle Grenzen von Klasse und Gender hinweg, grenzt an Rassismus. Mindestens aber ist es eine grobe Vereinfachung.
Haig: Trotzdem stimmt es, dass viele junge Menschen von Tunesien bis Syrien unsere Musik gehört haben. Genau wie die Musik anderer junger Künstler. Für die Medien ist „Soundtrack des Arabischen Frühlings“ eben ein sexy Titel. Noch dazu für eine Band mit einem homosexuellen Leadsänger. Jedenfalls hat uns dieser Titel …
Firas: … viele Fragen beschert. Und Interviews!

In einem früheren Interview wird "Ubwa" direkt angesprochen:

Before Arab Spring, you used to lament the laziness of those unhappy with governments. I remember in your earlier song “’Ubwa,” (Trans: “Bomb”) released in 2009, you say “How am I supposed to be political when everyone is so lazy here? And everyone is insisting that their religion is the best colour.”  Even after Arab Spring, do these social frustrations still exist?
The idea of the Arab Spring happening only in 2011 is a fairly Western-media dominated understanding of how the region's politics have evolved. For many Lebanese people, the Arab Spring started in 2005, with the Lebanese upheavals against Syrian political hegemony in Lebanon. Those uprisings, like many across the Middle East, ended up being fairly defeated on many fronts. I think the current status of the Arab Spring would allow more people, if anything, to relate to the sentiments of “’Ubwa.”