Interkulturelle Musikerziehung 2016/17

oder "Sollen wir jetzt syrische Kinderlieder im Musikunterricht singen?"

Intro 2016/17

* 2015 kamen 325 000 schulpflichtige Flüchtlingskinder nach Deutschland...

Drei Praxisfelder sind zu unterscheiden:

  1. die pädagogische und gegebenenfalls musikalische Betreuung von Flüchtlingskindern und -jugendlichen jenseits von Schule (in Lagern, Heimen, Freizeit etc.), auch in spezifischen "Projekten",
  2. die pädagogische und gegebenenfalls musikalische Betreuung von Flüchtlingskindern und -jugendlichen in Sprach- und Integrationsklassen, in denen nur Flüchtkingskinder und -jugendliche sind,
  3. der Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen (gegebenenfalls auch Kindergärten und Kitas), in dem Flüchtkingskinder und -jugendliche anwesend oder auch abwesend sein können, sowie Projekttage an allgemeinbildenden Schulen, die sich Themen wie "Willkommenskultur" etc. widmen.

Im Folgenden soll ausschließlich vom 3. Praxisfeld, dem Alltag des Musikunterrichts an allgemeinbildenden Schule, die Rede sein.

* Zweierlei Adressatengruppen, zweierlei Ziel - in einem Unterricht!

Obgleich sich viele Musiklehrer/innen Gedanken darüber machen, ob und wie sie Flüchtlingskinder und -jugendliche musikalisch "ansprechen" sollten, darf doch die wichtige Adressatengruppe eines interkulturellen Unterrichts auch im Jahr 2017, die deutsche Schülerschaft (mit und ohne Migrationshintergrund), nicht vergessen werden. Während es

  • mit Bezug auf die Flüchtlingskinder und -jugendliche um soziale Integration, die Stärkung von Selbstbewusstsein usw. geht, gelten
  • mit Bezug auf die deutschen Schüler/innen eher "anti-rassistische" Ziele in einem weiteren Sinn.

Daher folgen zunächst einige Überlegungen unterteilt nach diesen beiden Adressatengruppen.

* Die Flüchtingskinder und -jugendlichen

(Stichwwort: Integration) Die neu nach Deutschland gekommenen Kinder und Jugendliche sollen ja "integriert" werden. Mit dem Zauberwort "Integration" jedoch sind jene Ziele angesprochen, die in unserem "Abstract" formuliert worden sind: Integration heißt die Fähigkeitzu erwerben, "aktiv, bewusst, selbst bestimmt und sozial im multikulturellen Deutschland" lebensfähig zu sein. Das bedeutet, dass ein Beitrag des Musikunterrichts zu einer solchen Integration sein muss, dass die Kinder und Jugendlichen die "multikulturelle Republik" in ihrer (musikalischen) Diversität erleben können, dass sie musikkulturelle Handlungsfähigkeit erwerben sowie in der Schule erfahren, was (musikalische) Selbstbestimmung bedeutet.

(Stichwort: Traumatisierung) Wenn wir davon ausgehen, dass die Kinder, die jetzt in der multikulturellen Schulklasse sitzen, traumatisiert und kulturell möglicherweise des-orientiert sind, dann könnte der Musikunterricht zusätzlich eine sozialtherapeutische Komponente haben. Dann könnte es in der Tat von großer Bedeutung sein, ob die Lehrerin ein Lied, das das Kind vor seinen traumatischen Erlebnissen gekannt, gesungen und geliebt hat, kennt und singt. Die Methode, Kinder "ihre Musik" vorsingen zu lassen, hat sich in der Vergangenheit nicht bewährt und sollte jetzt nicht umstandslos angewandt werden. Es sei denn, die Kinder fangen von sich aus an, "ihre Musik" dar zu bieten. Dies setzte voraus, dass alle Kinder der Klasse "ihre Musik" vorstellen wollen und können - und dies setzte wiederum voraus, dass die Kinder überhaupt wissen, was "ihre Musik" ist. Bekanntlich wird aus solch einem Ansatz schnell eine umfangreiche Unterrichtseinheit.

(Stichwort: Ausgrenzung) Es gibt noch einen weiteren Grund, mit dem Singen, Spielen und Einstudieren "syrischer Lieder" [dies nur als Schlagwort!] vorsichtig zu sein. Ein Problem der Flüchtlingskinder und -jugendlichen ist ja die Rollenzuweisung als "fremd" und "Flüchtling". In der interkulturellen Pädagogik wird vor solchen Zuschreibungen, die dann schnell auch in Selbstzuschreibungen umschlagen, gewarnt. (Man lese den Aufsatz von Dorothee Barth "'In Deutschland wirst du zum Türken gemacht!' oder: Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los. Von der projektiven zur inszenierten Ethnizität": Download hier!) Das Wichtigste für die Flüchtlingskinder und -jugendlichen ist der Blick nach vorn, die Perspektive, nicht der Blick zurück, die Retrospektive. Hierzu haben sie alle ja eine gehörige Portion "Hoffnung" investiert.

Dennoch hat sich im Laufe des Jahres 2016 gezeigt, dass viele Flüchtlingskinder und -jugendliche mit großem Engagement Musik ihrer "Heimat" hören und anderen (mit)teilen. Trotz aller Erlebnisse, die mit der "Heimat" verbunden sind, erscheint diese doch sehr oft in einem rosig-verklärten Licht. Dies geht aus zwei Publikationen hervor, die Anfang 20017 erschienen sind: Kilian Kleinschmidt & Jenny Schuckardt "Beyond Survival. Flucht. Ankunft. Zukunft. Kinder erzählen ihre Geschichte" (DuMont, München 2016); Julia Erche & Alexander Jansen "Ich habe meine Musik mitgebracht. Lieder, Spiele und Geschichten von Flüchtlingskindern" (Don Bosco, München 2017).

* Die deutschen Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund

Unter "anti-rassistischen Zielen im weiteren Sinne" verstehe ich die pädagogische Auseinandersetzung mit der Angst vor Fremdem, mit den daraus resultierenden Verhaltensunsicherheiten und mit der Schwierigkeit von Kindern und Jugendlichen, ungewohnte kulturelle Verhaltensweisen zu akzeptieren und/oder sich dafür zu interessieren. An eine Idee aus der alten Diskussion um interkulturelle anti-rassistische Erziehung in Deutschland kann man wieder anknüpfen: die Angst vor dem Fremden, die eine akzeptable Reaktion ist, soll durch die Neugier an etwas Ungewöhnlichem und einem grundsätzlichen Interesse von Kindern und Juigendlichen an Neuem  verarbeitet werden.

Pädagogisch vollkommen kontraproduktiv ersceint mir die "offensive" Attacke gegen Ausländerfeindlichkeit und den alltäglichen Rassismus, den die deutsche Politik und weite Teile der Öffentlichkeit führen. Selbst "Schulen gegen Rassismus" und ähnlich ehrenwert gemeinte Initiativen sind nicht unproblematisch, weil sie die Einen mit ihren Ängsten nicht dort abholen, wo sie sind, und den Anderen ein Ritual bieten, in dem sie sich gut ("politisch korrekt" oder als "Gutmenschen") vorkommen.

* Unterrichtsthemen und Methoden

Mit einigen Vorschlägen möchte ich diskutieren, wie Musiklehrer/innen mit der aktuellen Flüchtlingssituation 2016 umgehen können. Dabei gilt die Regel, die auch für jegliche interkulturelle Musikerziehung gilt: solche Konzepte sind unabhängig davon, ob sich Flüchtlingskinder in der Klasse befinden oder nicht. Sie richten sich "an alle". Diese Regel hat auch den Vorteil, dass die Flüchtlingskinder, die sich unter den Schüler/innen befinden mögen, nicht erst zu Flüchtlingen "gemacht" werden, sondern als neue, wenn auch noch unsichere Mitglieder unserer Gesellschaft behandelt werden. Bisweilen können sie als "Expert/innen" in Erscheinung treten, aber das soll ihnen frei gestellt und nicht das Ziel des Unterrichts sein.
Die Themen, die in den Vorschlägen angesprochen werden, sind überwiegend als "Projektionsflächen" zu betrachten. Das bedeutet, dass sie zwar auf dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik entwickelt bzw. gewählt worden sind, sie diese Problematik aber allenfalls indirekt ansprechen. Dadurch können die Schüler/innen - sowohl die Flüchtlingskinder und -jugendlichen als auch alle anderen - ihre persönlichen Ängste, Probleme und Fragen dann, wenn sie dies wollen und können, im Schutze solcher Themen artikulieren, ohne sich direkt und explizit als Person oder gar als Flüchtling artikulieren zu müssen. (Dies ist die "Rollenschutzthese" der Szenische Interpretation, die hier unabhängig vom szenischen Spielen angewandt wird.)

Wolfgang Martin Stroh