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Irmgard Merkt:
Prinzipien des interkulturellen Musikunterrichts (Musik in der Schule 4/2001, S. 5)

Die Prinzipien des interkulturellen Musikunterrichts bleiben - der Vergleich, - das gemeinsame Machen von Musik aus verschiedenen kulturellen Feldern sowie - die Sichtweise von Musik als Reflexion bzw. Objektivierung gesellschaftlichen Lebens. Der vergleichende Blick auf Musikkulturen meint hier: Zunächst leidenschaftsloses Feststellen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Der vergleichende Blick bedeutet weder Gleichmacherei - wir sitzen alle im gleichen Boot, wir haben alle die gleichen Interessen usw. - noch Verfestigung von Unterschieden - weil wir so unterschiedlich sind, können wir nie zusammenkommen. Vergleich heißt Spaß an neu entdeckter Gemeinsamkeit und Recht auf Unterschiede und Individualität. Um bei dem oben begonnenen Vergleich von Saz und Gitarre zu bleiben: Über den "äußeren Vergleich von Bauweise und Bünden ergibt sich ein Vergleich der Tonsysteme, über den Vergleich der Spielweisen ergibt sich der der Vorstellungen von Melodie, Harmonie und Klangfarbe. Vorlieben für Klangfarben - wer kann Recht haben im Schönfinden von Klängen? Die musikalische Entwicklungspsychologie macht im Übrigendeutlich, dass Kinder sehr lange, in der Regel bis zur Pubertät, offen sind für die unterschiedlichsten Klangfarben. Verschiedene Studien sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder im Vergleich zu Jugendlichen und Erwachsenen weitaus weniger festgelegte Präferenzen haben und musikalisch toleranter sind .... Damit verbunden ist eine größere Aufgeschlossenheit und Offenheit gegenüber der Musik der Erwachsenen oder gegenüber unkonventionellen oder unvertrauten Musikformen (hier liegt natürlich eine große Chance für die Musikpädagogik) (Gembris 1998, 353). Hier liegt natürlich auch die große Chance für den interkulturellen Musikunterricht. Das gemeinsame Musikmachen verlangt eine kluge Auswahl von Musikstücken - und vor allem eine Vorstellung vom Zustandekommen von klanglichen Charakteristika. Die einstimmige oder bestenfalls heterophone Musizierweise sowohl der traditionellen Hochkultur als auch der Volkskultur beispielsweise der Türkei entfaltet ihren spezifischen Klang unbegleitet oder bestenfalls in Bordunbegleitung, die ja überdies einfach zu musizieren ist. Wird das Musikbeispiel aus einem der Herkunftsländer von Kindern nach dem Prinzip der Mitmachmusik genutzt, sind alle Kinder einer Klasse in gleicher Weise am Prozess des Musikmachens beteiligt. Mitmachmusik, das heißt: mitklatschen, mittrommeln, einen Bordunton wiederholen, Holzklangstäbe, Becken oder Triangel zum Musikbeispiel spielen. So kann die Klangfarbe eines Musikstückes herausgearbeitet werden (vgl. Merkt 1985). Musik als Rerflexion bzw. Objektivierung des gesellschaftlichen Lebens meint: Musik entsteht nicht einfach irgendwie. Die Entstehung von Musik ist von ihrer situationsbedingten Funktion nicht zu trennen. In Anlehnung an Rösing werden zwei Hauptbereiche der Funktionen benannt, der gesellschaftlich-kommunikative Funktionsbereich und der individuell-psychische Bereich (vgl. Rösing 1997, 77 ff.) Diese Funktionsbereiche jeweils deutlich zu machen - also das Außermusikalische als Teil des Musikalischen zu begreifen und zu thematisieren -, dies ist im interkulturellen Musikunterricht unverzichtbar.