Das Wichtigste in Kürze

Ziele und Inhalte

Das allgemeine Ziel der IME (das heißt der interkulturellen Musikerziehung im Unterricht an allgemeinbildenden Schulen) wird abgeleitet aus einem allgemeinen Ziel pädagogischen Handelns. Es lautet: Die aktive, bewusste, selbstbestimmte und sozial verantwortete Lebensfähigkeit im multikulturellen Deutschland. Mit "multikulturell" bezeichnen wir (wie es Heiner Geißler bereits tat) den Zustand der BRD, nicht ein Idealbild oder ein Schreckgespenst. Heute spricht man von oft "transkulturell", um den Eindruck zu vermeiden, die Multikulti-Republik sei eine schlichte Addition lauter "kugelförmiger" Einzel(Parallel-)Kulturen und nicht ein undurchdringbares Durcheinander..

Berücksichtigt man, dass das multikulturelle Deutschland eine "Migrationsgesellschaft" (kurz, dass Deutschland ein Ein- und Auswanderungsland ist), dann ist dies allgemeine Ziel ein migrationspädagogisches Ziel.

Ein Mittel dies offensichtlich (zunächst) nicht-musikspezifische Ziel zu erreichen ist die erfahrungsorientierte Aneignung jener Musik, die nicht selbstverständlich, die also experimentell, anstößig, andersartig, schwierig oder schlicht unbekannt ist. Dies impliziert die Auseinandersetzung mit den jeweiligen kulturellen Kontexten, denen Musik bzw. musikalische Praxis entstammt. In der multikulturellen Gesellschaft sind diese Kontexte vielfältig. Daher eignen sich als Inhalte der IME ganz besonders die Musiken der Welt. Es ist aber auch denkbar, sinnvoll und wichtig, statt Musik aus der Ferne auch Musik aus der Nähe bzw. den "bundesrepublikanischen Zustand des Fernen" zu verwenden, um das genannte Ziel der IME zu erreichen. In einer Migrationsgesellschaft ist das Ferne auch sehr nah.

Fazit: die Thematisierung der Musiken der Welt erfolgt, wenn überhaupt, in der IME aus einer "migrationspädagogischen" Perspektive. IME ist heute (2017) nicht die allgemeine Lehre vom Unterrichten "fremder Inhalte". Sie ist vielmehr Musikerziehung in der multikulturellen Migrationsgesellschaft. Dass diese Aufgabe überhaupt als spezifisches Konzept mit einer eigenen Bezeichnung "IME" versehen wird, hat in Deutschland historische Gründe. Die Musiken der Welt dienen der IME als "Projektionsflächen", wie die folgenden drei Prämissen erläutern:

Prämissen der Methode

Grundlegende Prämisse 1 des methodischen Vorgehens ist die "konstruktivistische" Einsicht, dass die Schüler/innen im Unterricht die Bedeutung, die Musik hat, innerhalb eines pädagogisch inszenierten Rahmens selbst konstruieren. Dieser Konstruktionsvorgang wird mit "Musik verstehen" bezeichnet. Der von der Lehrer/in hergestellte pädagogische Rahmen (modern ausgedrückt "das Setting") hängt vom jeweiligen Inhalt, zum Beispiel der jeweiligen Musik der Welt bzw. der spezifischen musikalischen Tätigkei, ab, die thematisiert wird.

Grundlegende Prämisse 2 ist, dass nicht "die Musik" an sich sondern der musikalisch tätige Mensch das pädagogisch Wichtigste an den Musiken der Welt ist. Mit anderen Worten, nicht auf die Töne, Rhythmen, Instrumente und Tanzschritte allein, sondern auf den kulturellen Kontext der musikalischen Praxis kommt es an. Der Unterricht ist somit "kulturerschließend" und kein "aufbauender Unterricht" (AMU). Ersichtlich heißt hier "kulturerschließend", dass an einen bedeutungsorientierten Kulturbegriff gedacht ist.

Grundlegende Prämisse 3 ist, dass die Bedeutungskonstruktion durch die Schüler/innen und somit das Verstehen von Musik in einer Art Rollenspiel stattfindet, wobei die Rollen und das Setting durch den kulturellen Kontext der Musik gegeben sind. Die Besonderheit dieses Rollenspiels ist, dass die Schüler/innen ihre eigene Bedeutungskonstruktion entlang der fremden Musik(kultur) vornehmen und in der Klasse nach bestimmten Regeln kommunizieren. "Rolle" wird hier in einem weiteren Sinn als dem des szenischen Rollenspiels verstanden: Rolle ist eine Lernhaltung, in der Schüler/innen mit etwas Neuem, Unbekannten und Fremdem auf ihre persönliche Weise umgehen.

Kurzfassung meines Vorgehens im Unterricht ("erweiterter Schnittstellenansatz")

  1. Einstieg/Einfühlung (Warm-Up) "archetypisch" mit einer "Basiserfahrung", also nicht kulturspezifisch.
  2. "Analoge" Erarbeitung einer Situation, in der Musik gemacht oder mit Musik umgegangen wird (z.B. durch szenisches Spiel), also nicht blindes Musizieren mit einer sich anschließenden "Aufarbeitung".
  3. Reflexion des Rollenspielcharakters der analogen Erarbeitung mittels zusätzlicher Information, also keine Täuschung über die kulturelle Distanz und keine Exotik. (Bei einer "szenischen Interpretation" findet diese Reflexion im Rahmen des szenischen Spiels statt.)
  4. Motivation zur "digitalen" Weiterentwicklung und inhaltlichen Erweiterung des Bisherigen durch "professionelle Stimulation".
  5. Übungs- und Arbeitsphase mit dem Ziel eines optimierten und selbstbestimmten Spielens "im Schutz der Rolle".
  6. Entweder erneute Reflexion (Punkt 3) oder Abschlussveröffentlichung (kann eine Aufführung sein, kann aber auch andere Formen annehmen, z.B. eine multimediale).

Zu einem exemplarischen Workshop (mit Videobeispielen).