zurückhakenzurück zu "Modelle"

11 Die multikulturelle Persönlichkeitsbildung als Leitziel

Die multikulturelle Musikerziehung geht von zwei Prämissen aus: erstens sagt sie, dass so gut wie alle Schüler/innen "multikulturell" sind, und zweitens sieht sie in einer musikbezogenen multikulturellen Persönlichkeit eine Art Idealbild. Ganz in den Hintergrund des Musikunterrichts tritt hier die interkulturelle Kommunikation, also die Kommunikation zwischen kulturell abgesonderten und absonderbaren Gruppen. Heute ist empirisch abgesichert, dass die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sehr unterschiedlichen "Migratenmilieus" angehören und der Migrationshintergrund, d.h. das Herkunftsland der Vorfahren, für die Zugehörigkeit zum Milieu nicht allein ausschlaggebend ist (siehe "Der Umgang mit dem Migrationshintergrund"), und dass die Milieu-Vielfalt auch kein besonderes Merkmal der Menschen mit Migrationshintergrund ist sondern alle Kinder und Jugendlichen betrifft.

Das Konzept geht nun einfach davon aus, dass die Menschen, die in der BRD leben, nicht einer Kultur angehören, sondern mehreren. Die Menschen bedienen sich "je nach Bedarf" der Elemente unterschiedlicher Kulturen: ein Junge spielt begeistert Geige und spielt im Geigenunterricht Mozart, hört aber niemals Mozart am Radio, sondern die Top 40; ein Opa singt begeistert im Kirchenchor Bachchoräle, hört aber am Radio niemals Kirchenmusik, sondern die volkstümliche Hitparade; ein deutsch-türkisches Mädchen geht in eine stinknormale Disko, hört aber am liebsten Türkrap im Radio und tanzt begeistert bei Familienfesten zu traditioneller türkischer Musik.... Daher kann es nicht mehr Ziel von Musikerziehung sein, eine im herkömmlichen Sinne kulturelle Identität auszubilden. Vielmehr muss von den Schüler/innen die Fähigkeit  erlernt werden, sich selbstbestimmt, bewusst und erfolgreich der Elemente mehrerer Kulturen "zu bedienen". Das setzt Informiertsein, Toleranz, Flexibilität und einen eigenen Standpunkt voraus. Ziel des MU's ist es, all' dies zu erzeugen! Für diese Art MU gibt es noch keinen offiziellen Namen, am geeignetsten wäre hier tatsächlich "multikultureller Musikunterricht". Dieser Treminus ist im Englischen für das reserviert, was im Deutschen der Oberbegriff "interkulturelle Musikerziehung" besagt (siehe Multicultural Music Education!) Was das alles im einzelnen bedeutet, ist nachzulesen bei Stroh 2000. Im Konzept der "eine welt musik lehre" ziehe ich daraus die Konsequenzen für die Musiklehrerausbildung. Am Ende des Aufsatzes sind Fragen formuliert, unter anderem:

  • Stimmt die These von der multikulturellen Identität?
  • Was tun, wenn Menschen eine monokulturelle Identität lieb ist?
  • Welche Basisqualifikationen gibt es, um erfolgreich multikulturell musikalisch tätig zu sein?
  • Wie muß der Musikbegriff der MusiklehrerInnen sein, damit sie erfolgreich multikulturell unterrichten können?

Anfang 2009 habe ich das Buch "Der Multikulti-Irrtum" von Seyran Ates gelesen. Ates, die zahlreiche Frauen mit Migrationshintergrund juristisch betreut hat und weiß, wovon sie spricht, kritisiert die Multikulti-Romantiker. Hierunter versteht sie Menschen, die Parallegesellschaften tolerieren und gut heißen. Hierzu gehöre einerseits, dass das Grundgesetzt in bestimmten Parallelgesellschaften nicht gilt, andererseits, dass die Menschen solcher Parallelgesellschaften von Chancen und vom "öffentlichen Leben" der dominanten Gesellschaft ausgeschlossen sind. Sie denkt natürlich an junge Frauen, die zwangsweise zu Hause eingesperrt werden, kein Deutsch sprechen und das alles auch noch gut finden, weil Mutter und Oma das alles ja auch gut finden... - Ates propagiert eine "transkulturelle" Persönlichkeit, wie sie selbst es ist: zweisprachig, voll entfaltet auf der Karriereleiter, die Türkei liebend, Deutschland aber ebenfalls liebend usw. (siehe ihre Buch "Wahlheimat. Warum ich Deutschland lieben möchte", 2013). Sie propagiert Bi-Kulturalität, vor allem einen bilingualen Unterricht, und proporzmäßig gemischte Schulklassen. Ersichtlich konvergiert ihre Idealvorstellung von Transkulturalität mit dem, was ich in Anlehnung an die USA-Diskussion als "multikulturell" bezeichnet habe. (Die US-Zustände findet Ates übrigens nicht gut!)

Anmerkung: Die Trennung der Modelle "multikulturelle ME" und "transkulturelle ME" habe ich erst 2012 vorgenommen. Anlass war die Auseinandersetzung mit den "Migranten-Milieus" der Sinus-Studie von 2008. Hier wurde mir deutlich, dass man mit "multikulturell" solche Menschen bezeichnen sollte, die, wie hier geschildert, sich mehrerer Kulturen bewusst bedienen, während "transkulturell" solche Menschen sind, bei denen unterschiedliche Kulturen in einem globalen Einheitsbrei oder einem hybriden Mix aufgehoben sind.

Literatur: Stroh 2002.