Der Umgang mit dem "Migrationshintergrund"

2005 wurde der Mikrozensus derart umgestellt, dass nunmehr anstelle von Ausländern, von denen es 7 Millionen in Deutschland gab, Personen „mit Migrationshintergrund“, von denen es 15 Millionen gab, erfasst wurden. Migrationshintergrund hat eine in Deutschland lebende Person, wenn sie Ausländer ist oder eines der Eltern Ausländer ist oder im Ausland geboren wurde. Damit ist die zweite und dritte Gastarbeitergeneration ebenso erfasst wie die Menge der Aussiedler, auch wenn diese Personen einen deutschen Pass besitzen.- Im Jahr des letzten Mikrozensus 2013 lebten rund 16,5 Millionen Menschen mit Migrations­hintergrund in Deutschland. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 20,5 %. Mit 9,7 Millionen hatte der Großteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund einen deutschen Pass.

Obwohl das Etikett "Migrationshintergrund" aussagekräftiger ist als der Status "Ausländer", ist es doch nicht nur eine statistisch feststellbare Größe, sondern auch eine Zuschreibung - und zwar sowohl eine Selbstzuschreibung der Betroffenen als auch eine Fremdzuschreibung der Mehrheitsgesellschaft. Aus den USA ist bekannt, das die "Integration" von Einwanderern (die in Deutschland vornehm "Zuwanderer" heißen, weil die CDU im Bundesrat sich dem rot-grünen "Zuwanderunsgesetz" sonst vollkommen verweigert hätte) wellenförmig verlaufen kann, wobei die zweite Generation integrierter als die dritte sein kann. Teilweise wird in Deutschland auch eine derartige Wellenbewegung beobachtet, jedenfalls in puncto Kopftücher. Die Sinus-Studie zu "Migranten-Milieus in Deutschland", die am 9.12.2008 vorgestellt worden ist und überwiegend der Konsumartikel-Branche Deutschlands als Orientierungshilfe dienen soll, wies darauf hin, dass die weit verbeitet pauschalen Kategorisierungen von Menschen mit Migrationshintergrund nicht aussagekräftig ist. Man kannauch nicht mehr vom Herkunftsland auf das Milieu schließen - die Religion oder Religionszugehörigkeit (die im Mittelpunkt der Integrationskonferenzen der Bundesregierung steht) sei weit überschätzt - in den unterschiedlichen Milieus gibt es unterschiedliche Integrationsbarrieren - ein bikulturelles Selbstbewusstsein sei vorherrschend - Erfahrungen mit Ausgrenzung sind dennoch verbreitet, gehen aber von der Mehrheitsgesellschaft aus - die Leistungsverweigerer sind ebenso wie die Anhänger "vormoderner Traditionen" so etwas wie Randgruppen.

Das Bild zeigt die acht von Sinus 2008 festgestellten "Migranten-Milieus":

vergleich sinus 2014-2008

Je höher ein Milieun in dieser Grafik liegt, umso höher ist das soziale Niveau; je weiter rechts ein Milieu angesiedelt ist, umso entfernter ist es von seinem Migrationshintergrund. Die Orientierung an der Herkunftskultur wird hier ideologisch als "Tradition", die an der deutschen Mehrheitsgeslelschaft als "Moderne" bezeichnet. Es gibt keine entsprechend neuere Untersuchung. Wenn Sie jedoch mit der Maus über das Bild fahren, so sehen Sie ein entsprechendes "Milieu-Schmea" von 2014 bezogen auf alle in Deutschland lebenden Jugendlichen. Ersichtlich gibt es tendenzielle Übereinstimmungen zwischen beiden Schemata, was im Grund bedeutet, dass die Mileus von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund weitgehend ähnlich strukturiert sind.

Für die Musikpädagogik sind nicht die Details von Sinus, jedoch das Gesamtphänomen der Differenzierung von Interesse. Die Schule und der Musikunterricht können nicht von irgendwie "homogenen" Schülergruppen nach dem Merkmal "Migrationshintergrund" ausgehen. Die "Thematisierung" der Herkunfts-Musikkulturen der in einem Klassenzimmer versammelten Schüler/innen ist daher ja auch schon lange nicht mehr das zentrale Thema und eine zentrale Methode interkultureller Musikerziehung. Das auf der vorliegenden Site dargestellte Konzept (siehe Abstract, Methoden und Kriterien) geht ebenfalls einen anderen Weg. Dennoch ist wichtig, dass die Musiklehrer/innen sich bewusst machen, dass es im Hinblick auf den Migrationshintergrund im Prinzip vier Hauptgruppen gibt (wie sie Katrin Reiners 2012 herausgearbeitet hat), deren Unterscheidung in einem schülerorientierten Unterricht relevant werden kann:

1. Schüler/innen, für die der Migrationshintergrund überhaupt keine Rolle mehr spielt, die sich also als monokulturell Deutsche präsentieren, für die beispielsweise das Herkunftsland der Vorfahren allenfalls ein Urlaubsreiseziel ist und die niemals auf die Idee kämen, sie seien etwas anderes als stink-normale Deutsche;

2. Schüler/innen, die sich als monokultuelle Ausländer fühlen und inszenieren unabhängig davon, ob sie darunter leiden oder das cool finden - in der Regel leiden sie unter etwas, was sie bewusst reproduzieren, weil sie ihr Leid cool finden -, die gleichsam in einer Parallelgesellschaft leben unabhängig davon, ob und wie sie die Vorteile der Mehrheitsgesellschaft zu nutzen und schätzen wissen;

3. Schüler/innen, die aktiv bikulturell oder multikulturell sind, die genau zwischen zwei Kulturen unterscheiden (können) und sich je nach Bedarf aus einer der beiden Kulturen bedienen, wobei der häufigste Fall der ist, dass ein Kind oder eine Jugendliche sich zu Hause der einen, in der Schule und im öffentlichen Raum der anderen Kultur zurechnet und beide Kulturen auch erfolgreich und selbstbewusst handhaben kann;

4. Schüler/innen, die man als transkulturell bezeichnen könnte, die sich zwar ebenfalls mehrerer Kulturen bedienen, dies aber nicht mehr bewusst tun, sondern auf der Ebene eines neuen, gemischten Stils, der ihr ganzes Leben prägt.